Hier und heute mit Online-Journalismus Geld verdienen

Flexible Abos und individuelle Inhalte – dafür zahlen Nutzer. Aber was ist mit Crowdfunding, Sponsoring und Stiftungsgeldern? Können Verlage ihre online-journalistischen Angebote damit monetarisieren? Birte Frey, Mitbegründerin und -inhaberin der Online-Kommunikationsagentur „quäntchen + glück“, stellt in ihrem Gastbeitrag spannende Thesen auf.

Birte FreyHier und heute mit Online-Journalismus Geld verdienen

Gastbeitrag Von Birte Frey

Mein Traum der perfekten Zeitung ist ein egoistischer. Ich möchte, dass Zeitungen sich meinen Bedürfnissen anpassen. Ich will eine gedruckte Zeitung an den Tagen, an denen ich dafür Zeit habe. Zum Beispiel regelmäßig donnerstags, wenn ich mit dem Zug quer durch Deutschland zu meinem Freund fahre. Und samstags, weil wir da gerne ausgedehnt zu Hause frühstücken – natürlich in Hamburg bei meinem Freund. Die Zeitung muss mich morgens also im Briefkasten erwarten. Unter der Woche pendle ich und würde gerne die Zeitung auf meinem iPad im Zug lesen können. Zwischendurch möchte ich jederzeit über wichtige Nachrichten auf meinem Smartphone informiert werden.

So in etwa lassen sich die Vorstellungen von einem perfekten Zeitungsabo zusammenfassen, die die TeilnehmerInnen meiner Diskussionsrunde auf dem Barcamp Rhein Main formuliert haben. Den Lebensumständen individuell angepasste Abolösungen – vielleicht ein Weg für Verlage, schwindenden Abonnements entgegen zu wirken?

Dafür zahl ich: flexibles Abo und individuelle Inhalte

Meine persönliche Wunschvorstellung geht noch weiter. Ich möchte von allen Zeitungen nur das Beste: überregionales Feuilleton, lokale Wirtschaft und alles zu Politik, aber ich möchte auch Themen mitbekommen, die in meiner alten Heimatstadt Braunschweig Stadtgespräch sind, und spontan einzelne Artikel aus anderen Ressorts lesen, die interessant klingen.

Unmöglich?

Blendle ist ein Niederländischer Online-Marktplatz für Zeitungen und Magazine. Derzeit sind im Angebot des Startups 15 der führenden Tageszeitungen aus den Niederlanden vertreten. LeserInnen können hier einzelne Artikel per Klick kaufen, egal bei welcher der teilnehmenden Zeitung der Artikel ursprünglich erschienen ist. Die Verlage setzen die Preise für ihre Artikel selbst fest und erhalten 70 Prozent des Erlöses. 30 Prozent streicht Blendle ein. Die neuste Idee von Blendle: Gefällt LeserInnen der gekaufte Artikel nicht, können sie ihn zurückgeben. Ob das Geschäftsmodell des Startups funktioniert, wird sich langfristig zeigen.

Blendle Nachrichtenseiten NiederlandeNeben Blendle gibt es in den Niederlanden noch weitere Anbieter wie zum Beispiel eLinea. Joseph Lichterman vergleicht die Konzepte von Blendle und eLinea auf niemanlab.org so: „If Blendle is an iTunes for news, eLinea would be Spotify — users pay €9.99 ($13.80) per month for unlimited access to the the content it offers.“

Natürlich lässt sich die Situation in den Niederlanden nicht direkt auf Deutschland übertragen, aber ein paar Dinge könnten sich deutsche Verlage und journalistische Startups abschauen.

Zum Beispiel, dass manche Monetarisierungs-Möglichkeiten online einfach leichter umzusetzen sind als gedruckt. Der deutsche Anbieter Niiu scheiterte 2011 damit, eine gedruckte individualisierbare Zeitung herauszugeben. Nun versucht es auch Niiu online. Niiu bietet in seiner App bereits Inhalte von 30 Zeitungen und Magazinen an, die ressortweise zusammengestellt werden können.

Thorsten Panknin schreibt auf Deutsche Startups: „Niiu beteiligt Partnermedien, je nach Popularität der Artikel, mit einer variablen Provision am Vertrieb und den Werbeinnahmen, bei Ressortwechseln in der App blendet niiu Werbung ein. Weiterhin hat niiu Lizenzverträge mit den Inhalteanbietern geschlossen.“ So werden Leser, anders als bei anderen Newsaggregatoren, nicht von Paywalls aufgehalten. Allerdings ist der Anbieter mit mindestens 12 Euro monatlich (je nach Abo) in den Augen mancher Nutzer nur ein überteuerter RSS-Reader, da keine exklusiven Inhalte geboten werden. Beim Pricing und Monetarisierungsmodell könnte Niiu sich sicherlich einiges bei der niederländischen Konkurrenz abschauen.

Auch ein gutes Vorbild: die amerikanische App Flipboard. Neben News können hier auch soziale Netzwerke und Blogartikel eingebunden werden. Flipboard finanziert sich über Werbung. Ein Modell, das in Deutschland gut ankommen könnte, da Nutzer hier bisher eher bereit sind, indirekt über Werbung Online-Angebote zu finanzieren als über Abos.

Was funktioniert: Crowdfunding und Sponsoring

Auch eine Möglichkeit: Recherchen mit Crowdfunding oder Crowdinvestment finanzieren. Ist hoher Aufwand und Mehrwert für Nutzer erkennbar, sind die durchaus bereit, konkrete Projekte zu finanzieren. Krautreporter.de bietet JournalistInnen dafür eine Plattform. Das Leben als palästinensischer Gastarbeiter in Deutschland (2.233 Euro), brasilianische Slum-Bewohner, die ihre eigene Bank gründeten (670 Euro) oder der Einfluss von Unternehmen auf EU-Gesetze zu Nanotechnologie (1.104 Euro) – jedes Projekt wurde von den Nutzern finanziert.

Online-Dossiers, aber auch ganze Ressorts oder Blogprojekte können über einen exklusiven Sponsoring-Partner finanziert werden – journalistische Unabhängigkeit muss dabei natürlich gewahrt werden. Die New York Times macht’s vor: Für die multimediale Story The Jockey gewann sie BMW als Werbepartner.

Bei Geschichten mit aufwendigen Recherchen bleibt oft viel Material ungenutzt, dieses lässt sich zum Beispiel als E-Book aufbereitet verkaufen: Snow Fall von der New York Times (E-Book für 2,68 Euro bei Amazon erhältlich) und Firestorm vom Guardian (E-Book für 4,10 Dollar bei Amazon erhältlich) sind Beispiele dafür. Ein deutschsprachiges Beispiel ist das Journalisten-Blog Lousy Pennies von Karsten Lohmeyer und Stephan Goldmann, das sich über Sponsoring finanziert.

Das Debattenforum und Think Tank Vocer des Vereins für Medien- und Journalismuskritik (VfMJ) ist laut Website „das erste journalistische Internet-Projekt in Deutschland, das sich ausschließlich über Stiftungsgelder und Spenden finanziert.“ Privatstiftungen, die Bundeszentrale für Politische Bildung und private Spender finanzieren Vocer.

Vocer journalistisches DebattenforumCrowdfunding, Sponsoring, Stiftungsgelder und Spenden – bisher werden diese Finanzierungsformen meist von freien Journalisten genutzt. Warum? Verlage müssten Nutzer erst von ihrer Bedürftigkeit überzeugen – und das geht nur mit transparenter Kommunikation und starken Inhalten. Zwei zentrale Punkte, mit denen Verlage sich schwer tun. Verständlich. Welches große Unternehmen zeigt schon gerne Schwäche und investiert online in starke Inhalte, obwohl noch kein Geld in Sicht ist? Und auch das Unverständnis der Nutzer ist nur logisch: Wie kann ein so großes Unternehmen bedürftig sein? Wie kann ein Verlag trotz Umsätzen in Millionenhöhe kurz vor dem Aus stehen? Um diese kommunikative Lücke zu schließen, müssen Verlage viel erklären.

Noch mehr Monetarisierungsmodelle im Online-Journalismus

Welche Monetarisierungsmodelle es im Online-Journalismus noch so gibt, haben meine Kollegen Jan und Kersten gemeinsam mit mir in unserer Podcastfolge „Geld! Monetarisierung im Online-Journalismus“ untersucht. Als gelernte Online-Journalisten haben wir die Agentur quäntchen + glück gegründet, mit der wir Journalismus zukunftsfähig machen wollen.

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